Aus dem Familienalbum

Papa SAEine Seite aus dem Familienalbum, mit Fotos aus dem Winter 1933/1934 und dem darauf folgenden Frühjahr. Links ein Bild, das Albert Fels im Dezember Garten des Elternhauses meiner Großmutter zeigt. Hinter ihm ist ein kahler Obstbaum zu erkennen, und die Beete und Wege sind weiß: Es hat geschneit, vielleicht war es der erste Schnee in jenem Jahr.

In der Mitte dann ein Foto, das im März 1934 aufgenommen wurde. „Morgens 8 Uhr“, steht darüber, es ist ein Schnappschuss aus dem Alltag: Der Vater meiner Großmutter fegt den Gehweg vor seinem Laden, die Krawatte, die er tagsüber trug, bereits umgebunden. Neben ihm steht meine Großmutter, die damals sieben Jahre alt war, in Kleid und Jäckchen und mit einem Krug in der Hand, sie muss gerade nebenan bei ihrem Onkel die Milch für das Frühstück geholt haben. Das dritte Feld auf der Seite im Album ist leer. Das Bild, das die Mutter meiner Großmutter hier vor achtzig Jahren eingeklebt hatte, fehlt. Nur drei der vier Fotoecken sind geblieben und die Bildüberschrift: „1934 Papa S. A. Mann“.

Es ist kein Geheimnis, dass mein Urgroßvater in der SA war. Meine Großmutter erzählt gern, wie ihr Vater, ein kleiner, rundlicher Mann, sich am Sonntagvormittag mit den anderen Männern aus dem Dorf auf dem Kirchplatz zum Exerzieren traf. Sein Schweiger Hermann Dilly war auch dabei, und meine Großmutter und ihre Cousine gingen mit und sahen ihren Vätern dabei zu, wie sie mit einem Stock in der Hand das Präsentieren eines Gewehrs übte. Die Uniformen, die die Männer trugen – braunes Hemd, brauner Binder, braune Hose – waren zum Teil selbst geschneidert, der Stoff wurde im Laden meines Urgroßvaters verkauft, zusammen mit den Oberhemden, den Kittelschürzen für die Mägde und der Weißwäsche, die er ins Sortiment genommen hatte, als er das Geschäft 1925 von seinem Schwiegervater übernommen hatte.

Mein Urgroßvater und mein Urgroßonkel waren auf dem gleichen Weg zur SA gekommen, auf einem Weg, der zurück in den Ersten Weltkrieg führt. Beide waren damals Soldaten der Preußischen Armee gewesen. Hermann Dilly, der Jüngere von ihnen, war erst im Frühjahr 1918 eingezogen worden, aber mein Großvater war bereits von 1915 an dabei und wurde an der Westfront in Frankreich schwer verwundet. Wie viele ehemalige Soldaten waren Hermann Dilly und mein Großvater in den zwanziger Jahren in den  „Stahlhelm“ eingetreten, eine Vereinigung von ehemaligen Soldaten, die kurz nach Ende des Kriegs gegründet worden war. Die Ausrichtung des „Stahlhelms“ war reaktionär, der „Bund der Frontkämpfer“ lehnte das politische System der Weimarer Republik ab. Das kann man in den Geschichtsbüchern nachlesen, doch was meinen Urgroßonkel und meinen Urgroßvater genau bewegt hatte, Mitglied zu werden, weiß ich nicht. Meine Großmutter erinnert sich, dass sie sich als Kind manchmal die Narbe anschauen durfte, die ihr Vater von seiner Kriegsverletzung zurückbehalten hatte, ein schmaler Wulst auf seinem dicken Bauch. Sonst wurde zu Hause über den Krieg nicht gesprochen.

Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurde der „Stahlhelm“ Ende 1933 der SA zunächst unterstellt, um dann im Januar 1934 als so genannte SA-Reserve vollständig in der neuen Dachorganisation aufzugehen. Zwei Monate später, im März 1934, ließ mein Großvater sich dann in seiner neuen Uniform fotografieren. Es war seine Frau, die die Aufnahme machte, meine Urgroßmutter war eine leidenschaftliche Fotografin, und sie hat das Bild auch eingeklebt, zusammen mit dem Foto von Albert Fels. Ein SA-Mann und ein jüdischer Viehhändler: Damals muss sie noch gedacht haben, dass die beiden Bilder gut auf eine Seite passen.

Sand unter den Füßen

Meine Großmutter war von Anfang an dabei, erst bei der Kükengruppe des BDM, die sich in der Schwesternstation traf, und nach ihrem zehnten Geburtstagstag im Spätsommer 1936 dann als Jungmädel. Die Heimabende fanden in der Volksschule am Kirchplatz statt, im Raum der ersten Klasse. Erwachsene gab es hier nicht. Angeleitet wurden die Treffen von den älteren Mädchen, nur manchmal kam die Untergauführerin dazu, eine junge Frau aus der Kreisstadt. Bei den Treffen wurden Lieder gesungen, gemeinsam Handarbeiten gemacht und kleine Ausflüge organisiert. Die Mädchen verabredeten sich, um mit dem Fahrrad ins Moor zu fahren und Kräuter zu sammeln, oder sie wanderten über die Felder, um im nächsten Dorf im Schlafsack in einer Scheune zu übernachten.

Eine Nacht im Heu, ein Handvoll Brombeerblätter, die zu Trocknen auf einer alten Zeitung ausgebreitet werden, ein Erntedankumzug, bei dem die Mädchen in weißen Nesselkleidern und braunen Miedern auf einem der Wagen mitfuhren: Es sind klare, fast fotografische Erinnerungen, die meine Großmutter aus dieser Zeit bewahrt hat. Sie hatte fast zehn Jahre beim BDM verbracht, ihre ganze Kindheit und Jugend. Eine Zeitlang hatte sie als Mädelschaftsführerin die Kükengruppe in ihrem Dorf geleitet, und später, als sie während des Krieges ihr Pflichtjahr bei einer Familie in Hannover verbrachte, besuchte sie auch dort regelmäßig die Heimabende in der Nachbarschaft.

Natürlich wurde auch über Politik gesprochen, aber in den Erinnerungen meiner Großmutter war das eine Nebensache, eine lästige Pflichtübung, die man wohl oder übel über sich ergehen lassen musste. Es gab kleine Vorträge über das Leben von Adolf Hitler, und einmal erzählte Großmutter mir von einem Ferienlager im Juli oder August 1938 auf Juist, bei dem die Mädchen sich jeden Tag nach dem Mittagessen zusammensetzen mussten, um über die Sudetendeutschen zu sprechen, ein Thema, das in jenem Sommer die große Politik beherrschte. Niemand interessierte sich dafür, sagt meine Großmutter, alle wollten lieber an den Strand.

Am Anfang dachte ich, dass eine Art Abwehrhaltung dahinter steckte, der Versuch, ihre Kindheit und Jugend im Nachhinein aus dem Klammergriff des Nationalsozialismus zu befreien und die Erinnerungen, die sich mit jenem Zeltlager im Jahr 1938 verbinden, nicht zu gefährden: am frühen Morgen der kühle, feuchte Sand unter den nackten Füßen, nach dem Schwimmen der salzige Geschmack des Meerwassers auf den Lippen, der Geruch der warmen Zeltplane, auf die den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte, das Rauschen der Wellen in der Nacht.

Vielleicht ist es aber auch genau anders herum. Vielleicht beginnen die Erinnerungen meiner Großmutter erst im Schatten des Nationalsozialismus zu leuchten, vielleicht haben sich die flirrenden Bilder aus jenem Sommer, in dem sie zwölf Jahre alt war, genau wie alle anderen Eindrücke aus ihrer Kindheit und Jugend nur deswegen erhalten, weil sie fest mit den dunklen Episoden der Geschichte des 20. Jahrhunderts verknüpft sind. Und vielleicht hatte meine Großmutter genau darum zuletzt doch noch die Geschichte von Albert Fels ins Spiel gebracht.

Auf der anderen Seite

BaustelleAuch Albert Fels taucht in den Akten des Landratsamtes auf. Ende 1929 – das ist das Jahr, in dem Hermann Dilly mit seinen Beiträgen für die Schlachterzwangsinnung in Rückstand geraten ist – bekommen die Landjäger im Kreis Bersenbrück den Auftrag, ein Verzeichnis sämtlicher Schlachter in ihren Amtsbezirken zu erstellen. Im Dorf meiner Großmutter und in den umliegenden Bauernschaften ist diese Bestandsaufnahme schnell abgeschlossen. Hier gibt es nur den Schlachter und Händler Hermann Dilly. Für ihn arbeitet allerdings noch ein „Aufkäufer“, also jemanden, der für ihn auf den Höfen Vieh aufkauft. Das ist Albert Fels. Auch sein Name wird notiert und in die Akten aufgenommen.

Sechs Jahre später wird er dort noch einmal erwähnt. Jetzt geht um die so genannte Legitimationskarte für „Kaufleute, Handlungsreisende und Handlungsagenten für einen inländischen Gewerbetrieb“. Diese Ausweise – es handelt sich um Klappkarten im Format Din-A-6 – waren im ganzen Gebiet des Deutsches Reiches gültig und mussten jährlich erneuert werden.

Im Januar 1935 stellt das Landratsamt Bersenbrück eine Legitimationskarte für Herman Dilly aus, der „ein stehendes Gewerbe mit Schlachtvieh und Vieh“ betreibt. Die Karte von Albert Fels wird am selben Tag ausgestellt, mit dem Hinweis, dass er als Händler „für Dilly“ arbeitet. Ein knappes Jahr später, im Dezember 1935, beantragen die beiden die Erneuerung ihrer Karten.

Zuständig ist zunächst der Dorfpolizist. Der Gendarmerie-Hauptwachmeister Emil Dodzuweit stammt aus Ostpreußen, war als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und besuchte in den zwanziger Jahren die Landjägerschule in Alleinstein. Seit 1931 ist er zunächst Landjäger und dann – der Begriff änderte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten – Gendarm im Dorf meiner Großmutter. Er wohnt mit seiner Frau und seiner siebenjährigen Tochter in einer Wohnung, die er vom Bürgermeister gemietet hat, und zahlt dafür jährlich 576 Reichsmark. Laut seiner Personalakte besitzt er ein Fahrrad der Marke „Torpedo“, das er auch dienstlich nutzt. Mitglied der NSDAP ist Emil Dodzuweit 1935 noch nicht, Anfang des Jahres ist er allerdings in die NSV eingetreten, die nationalsozialistische Volkswohlfahrt. In einer Beurteilung aus dem gleichen Jahr wird  bestätigt, dass er „mit sehr viel Interesse“ am Aufbau des nationalsozialistischen Staates mitarbeitet und „Gegenströmungen gar nicht erst aufkommen lässt“.

Dieser Emil Dodzuweit also nimmt im Dezember 1935 die Anträge auf der Erneuerung der Legitimationskarten von Hermann Dilly und Albert Fels entgegen und schickt sie an den Landrat, mit dem Hinweis, dass von seiner Seite keine „Versagungsgründe“ bestünden. Er fügt allerdings noch einen Nachsatz hinzu: „Fels ist Jude“.

Warum macht er das?

Drei Monate zuvor, im September 1935, sind die Nürnberger Gesetze verabschiedet worden. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbietet die Ehe und den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden. Das andere Gesetz ist das „Reichsbürgergesetz“. Es legt fest, dass die vollen politischen Rechte nur so genannten Reichsbürgern zustehen, also Staatsangehörigen, die „deutschen oder artverwandten Blutes“ sind. Juden sind damit zu Staatsangehörigen zweiter Klasse geworden; sie haben das Wahlrecht verloren und dürfen keine öffentlichen Ämter mehr innehaben: Mit dem „Reichsbürgergesetz“ wird zum ersten Mal eine deutliche juristische Trennlinie zwischen „Deutschen“ und „Juden“ gezogen, und ein Dorfgendarm wie Emil Dodzuweit fühlt sich darum jetzt verpflichtet darauf hinzuweisen, auf welcher Seite der Trennlinie Albert Fels gehört.

Für seinen Antrag auf Erneuerung der Legitimationskarte hatte das keine Bedeutung, nur die, dass auf dem Dokument auch Angaben zur Staatsangehörigkeit gemacht werden. Auf der letzten Karte war Albert Fels noch ein „Reichsangehöriger“, jetzt ist er „Staatsbürger“. Der Landrat nimmt die Notiz seines Gendarmen zu den Akten und vermerkt, dass er auch die Gestapo über die Angelegenheit in Kenntnis gesetzt hat.

Verrückt ist eigentlich nur, dass Albert Fels im Dezember 1935 bereits seit einem halben Jahr auf der Druck der NSDAP-Kreisleitung ohnehin nicht mehr als Händler tätig ist. Warum hat  er also überhaupt noch eine Legitimationskarte beantragt?

„Der Anstrich ist je nach Bedarf zu erneuern“: Hermann Dilly und die Behörden

ZweiFensterZweiFensterAls ich die Akten des Landratsamtes aus den Zwanzigerjahren durchsah, stieß ich noch einmal auf den Namen August Rittmeister, der in den zwanziger Jahren Polizist im Rang eines Oberlandjägers im Dorf meiner Großmutter war – und später eine Randfigur in der Liebesgeschichte zwischen ihr und meinem Großvater werden sollte.

Seit den Zwanzigerjahren ließ der Landrat von Bersenbrück durch seine Landjäger Jahr für Jahr sämtliche Schlachtereien im Kreis besichtigen, um festzustellen, „ob die Bedingungen der Genehmigungsurkunde innegehalten werden und Sauberkeit in allen Betriebsstätten herrscht“. Zu den Anforderungen gehörte, dass „die Wände der Betriebsräume in Zement glatt zu verputzen und bis 2 m Höhe mit abwaschbarer heller, nicht roter Farbe zu streichen sind. Der übrige Teil und die Decke sind zu weißen. Der Anstrich ist je nach Bedarf zu erneuern“.

Der Briefwechsel zwischen dem Landrat und seinen Landjägern hat sich erhalten, eine Handvoll hauchdünnes Durchschlagpapier, das beim Blättern fast zerfällt. Man kann darin nachlesen, dass die Schlachterei, die es damals im Dorf meiner Großmutter gab, den Anforderungen des Landrats nicht vollständig genügte. Hermann Dilly, der 1925 die Schlachterei seines Vaters übernommen hatte, nahm es mit dem Anstrich in den Betriebsräumen offenbar nicht so genau, zumindest stellte Oberlandjäger Rittmeister bei den Revisionen regelmäßig fest, dass die Wände in Dillys Schlachterei „nicht sauber“, „beschmutzt“ oder „schmutzig“ seien.

Hermann Dilly war allerdings kein nachlässiger Mensch, wie man vermuten könnte. Er war ein Querulant, das sagen alle, die sich noch an ihn erinnern können – und auch die Spuren, die er in den Akten des Landratsamtes hinterlassen hat, weisen darauf hin. Im März 1929 musste der Gemeindevorsteher des Dorfes Geld bei ihm eintreiben: „Der Schlachtermeister Dilly ist mit der Zahlung von 12,60 RMk Beiträgen bei der Schlachterzwangsinnung rückständig.“ Kurz darauf besuchte  August Rittmeister die Schlachterei und musste wieder wochenlang darauf drängen, dass die Wände geweißt wurden.

Im selben Jahr ging der August Rittmeister, der kurz zuvor noch vom Oberlandjäger zum Landjägermeister befördert worden war, in den Ruhestand. Sein Nachfolger – ein Mann namens Wollenberg, der nur kurze Zeit im Dorf meiner Großmutter blieb – interessierte sich weniger für die Wände als für den Papierkram. Bei seiner ersten Revision im Mai 1930 stellte er fest, dass die Schlachterei Dilly keine Konzession hatte. Anscheinend hatte sich Hermann Dilly in den fünf Jahren, die vergangen waren, seit er den Betrieb seines Vaters übernommen hatte, nicht darum gekümmert. Eilig hatte er es mit der Sache dann nicht. Die notwendige Genehmigung beantragte er erst Mitte des Jahres 1930, als ihm bereits ein Verfahren vor dem Amtsgericht in Osnabrück drohte.

Romantische Spiele, oder: Der Gendarm in der Kirche

Als Rudi im Herbst 1940 zum ersten Mal Lore in ihrem Dorf besuchte, ging er am Sonntagmorgen gemeinsam mit ihr zum Gottesdienst. Lore war noch nicht konfirmiert, sie saß in den Kirchen mit den anderen Mädchen vorne links in der ersten Reihe. Rudi dagegen stieg die knarrende Holztreppe zur Galerie hinter dem Altar hinauf, damit sie sich während des Gottesdienstes anschauen konnten. So hatten sie es auf dem Weg zur Kirche verabredet: Es war eines der kleinen romantischen Spiele, die sie bei bereits ihrer ersten Begegnung in Szene setzten, als wüssten sie bereits, das sie ihr Leben irgendwann nicht einfach nur als Leben, sondern als Liebesroman würden erzählen müssen.

Meine Großmutter hatte mir die Geschichte von dem Gottesdienst vor einigen Jahren erzählt. Damals war sie noch besser zu Fuß, und wir hatten am Nachmittag wie immer, wenn ich sie besuchte, einen Gang über den Friedhof gemacht, am Grab ihrer Eltern und meines Großvaters vorbei. Die linke Hälfte seines Grabsteins war freigelassen worden. Dort solle dann ihr Name stehen, das erklärte meine Großmutter mir jedes Mal, wenn wir über den Friedhof gingen.

Anschließend besuchten wir die Kirche. Sie liegt mitten im Dorf, an einem kleinen Platz, dem Kirchwinkel, der von alten Fachwerkhäusern umstellt ist, mit alten Buchen und einem Tor, das zum Friedhof führt. Vor kurzem war in der Kirche ein neues Chorfenster eingesetzt worden. Es war von einem zeitgenössischen Künstler gestaltet worden, mit einer Darstellung der Schwestern Maria und Martha.  Es ist eine Stelle aus dem Neuen Testament: Martha kümmert sich um das Essen, als Jesus sie in ihrem Haus besucht, Maria dagegen sitzt zu seinen Füßen und hört ihm zu. Als Martha sich beschwert, dass Maria ihr nicht bei der Hausarbeit hilft, sagt Jesus zu ihr: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Diese Zeilen aus dem Lukasevangelium sind der Konfirmationsspruch meiner Großmutter: Der Pfarrer, sagte sie mir lächelnd, habe sich offenbar darum gesorgt, dass sie zu Hause zwar fleißig ihren Eltern zur Hand gegangen sei, ihrer Mutter im Haushalt, ihrem Vater im Laden, sich aber nicht besonders um ihren Glauben gekümmert habe.

Meine Großmutter besucht bis heute nur selten einen Gottesdienst, und in die Kirche hatte sie mich an jenem Tag nicht wegen des neuen Chorfensters mitgenommen, sondern wegen einer Erinnerung an die Zeit, als sie meinen Großvater kennen lernte. Gleich neben dem Eingang hing nämlich ein Foto, das den Innenraum der Kirche im alten Zustand zeigte, bevor das Schiff und der Turm im April 1945 ausgebrannt war. Man konnte die alte Kanzel erkennen, das alte Kreuz und die Galerie hinter dem Altar, die früher, als die Gottesdienste im Dorf noch gut besucht waren, Platz für die Kirchgänger bot, die im Kirchenschiff keinen Platz mehr fanden. Dort also hatte Rudi bei seinem ersten Besuch im Dorf gesessen und Lore während der Predigt zugezwinkert, was meine Großmutter mir jetzt, im kühlen Innenraum der Kirche, mit einem leichten Kopfschütteln und einem spöttischen Lächeln erzählte, das die Erinnerung gerade soweit auf Distanz hielt, dass sie keinen Schaden an der Gegenwart nehmen konnte.

Zu der Geschichte gehörte noch eine dritte Person: der Dorfpolizist, der Rittmeister hieß und an jenem Sonntagmorgen im Herbst 1940 direkt neben meinem späteren Großvater auf der Galerie gesessen hatte. Es handelte sich um einen älteren Mann, der in den zwanziger Jahren als im Rang eines Oberlandjägers – Landjäger, so nannten sich damals in Preußen die Polizisten auf dem Land – im Dorf Dienst getan hatte und eigentlich seit 1930 im Ruhestand war. Als sein Nachfolger gleich zu Beginn des Krieges in die Wehrmacht eingezogen wurde, wurde der ehemalige Oberlandjäger Rittmeister als Gendarmeriehauptwachmeister zurück in den Dienst beordert.

Eine seiner Aufgaben war es, die Gottesdienste zu besuchen. Der Pfarrer des Dorfes – das kann man in den Lageberichten der Gestapo Osnabrück nachlesen – hatte 1935 in einer Fürbitte um den Segen für „Juden, Christen und den Führer“ gebeten. Seitdem saß ein Gendarm in jedem seiner Gottesdienste der Gendarm, um gegebenenfalls Bericht erstatten zu können. Einen Anlass gab es allerdings nie wieder, und der pflichtbewusste Gendarmeriehauptwachmeister Rittmeister, der jeden Sonntag mit einem Notizbuch in der Hand seinen Platz auf der Galerie erklomm und sich dabei mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte, wurde so zu einer komischen Nebenfigur in der Episode von Rudis erstem Besuch im Dorf meiner Großmutter. Sie schloss diesen Teil der Geschichte mit dem gleichen Kopfschütteln ab, mit dem sie auch den Rest erzählte: Ein die Jahre gekommener Dorfpolizist soll einen aufmüpfigen Pastor im Zaum halten und darf darum am Sonntag nicht ausschlafen, sondern muss den Gottesdienst besuchen.

Ein Jahr nach dem ersten Besuch von Rudi im Dorf meiner Großmutter begannen die Deportationen im Kreis Bersenbrück. Zwölf Juden und Jüdinnen wurden im Dezember 1941 begannen ins Ghetto von Riga verschleppt. Später kamen sie in Vernichtungslager Belzec, wo sie dann ermordet wurden. Der Viehhändler Albert Fels, der einzige Jude, der in den letzten Jahren im Dorf meiner Großmutter gelebt hatte, steht nicht auf den Deportationslisten. Er war damals bereits tot.

Zu den Deportationen aus dem Kreis Bersenbrück siehe: Maria von Borries, “Euer Name lebt. Zur Geschichte der Juden in der Region Bersenbrück“, Bramsche 1997.

Doppelhochzeit, oder: Die Kammer, Teil 3

selfstorageHermann Dilly hatte sich früh einen Ruf erarbeitet. Im Jahr 1921 hatte er versucht, das Dorf hinter sich zu lassen. Er war gerade volljährig geworden und ging mit seiner Schwester Marie und ihrem Mann nach Berlin, kurz darauf stieß noch ein Cousin zu ihnen. Die drei Männer hatten vor, ein Kino zu eröffnen.

Meine Großmutter war damals noch nicht geboren, sie weiß von der Sache nur durch die Erzählungen ihrer Eltern, und wahrscheinlich war die ganze Sache später größer geworden, als sie in Wirklichkeit gewesen war. Die Geschichte von dem Kino in Berlin gehört bis heute auf jeden Fall dazu, wenn über Hermann Dilly geredet wird, und sie wird lieber erzählt, als alles andere, was über ihn zu sagen wäre.

Im Grunde genommen hatte Hermann Dilly 1921 genau die richtige Idee gehabt. Nach dem Krieg boomte die Unterhaltungsbranche in Berlin. Anfang der zwanziger Jahre entstand dort in kurzer Zeit eine regelrechte Filmindustrie, überall in der Stadt gab es neue Kinos. Es war eine Art Goldgräberstimmung, und am Anfang lief es wohl auch für Hermann Dilly und die anderen richtig gut. Sie trugen maßgeschneiderte Anzüge, tranken Champagner, aßen am Kurfürstendamm in den besten Lokalen und warfen mit Geld nur so um sich. Zumindest sind das die Geschichten, die später im Dorf über sie erzählt wurden und die sich auch meine Großmutter gemerkt hat. Mehr als diese Geschichten gibt es allerdings nicht: In den Berliner Adressbüchern haben Hermann Dilly und die anderen keine Spuren hinterlassen.

Lange waren sie sicher nicht in der Stadt. Im Winter 1922/1923 näherte sich die Inflation ihrem Höhepunkt. Die Mark verlor rapide an Wert, immer mehr Geldscheine wurden gedruckt, mit denen man immer weniger kaufen konnte, und in den Kinos wurde jetzt in Naturalien gezahlt. Zwei Eier, heißt es, sollen der Preis für einen Sitzplatz gewesen sein, oder eine Handvoll Koks. Das Kino – sollte es je existiert haben – machte Pleite; Hermann Dilly und die anderen kehrten zurück. Sein Schwager machte eine Klempnerwerkstatt in der Stadt auf, sein Cousin eröffnete im Dorf eine Kneipe, und Hermann Dilly zog zurück in das Haus seiner Eltern. Er arbeitete für seinen Vater, den Fleischer, Viehhändler und Kaufmann. Hermann Dilly war jetzt der Juniorchef. Und: Er verlobte sich.

Am 3. Mai 1924 fand im Dorf eine Doppelhochzeit statt. Hermann Dilly heiratete Lisbeth, und seine Schwester Wilhelmine – meine spätere Urgroßmutter – heiratete den Kaufmann Johann Semken. Damit war der Weg in die Zukunft vorgezeichnet: Nach dem Tod von Hermanns Vater würde sein Sohn die Fleischerei und die Viehhandlung übernehmen und seine Tochter und sein Schwiegersohn den Laden.

Die Wohnverhältnisse wurden bereits mit der Hochzeit geklärt. Johann zog zu Wilhelmine und ihren Eltern in das große Haus, in dem auch der Laden war, und Hermann und Lisbeth bezogen das Nebenhaus. Hier hatte Albert Fels vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Familie gelebt. Nach der Scheidung war er allein in der Wohnung geblieben, doch im Frühjahr 1924 musste er Platz für Herman Dilly und seine Frau machen. Albert Fels räumte die Wohnung und schlief ab sofort in einer Kammer auf der Diele, in der bisher Tierfutter gelagert wurde.

Ob er vor dem Umzug noch viele Möbel besessen hatte? Was war aus dem „zweischläfrigen Bett“ geworden, das er von seinen Eltern geerbt hatte?

Die Kammer war klein. Daran erinnert sich meine Großmutter.

Frühschoppen

_Hirsch2Als ich ein Kind war, ging mein Großvater am Sonntagmorgen regelmäßig in die Gaststätte zum Frühschoppen. Während meine Großmutter das Mittagessen zubereitete – die Kirche besuchten beide nicht –,traf er dort sich mit einigen anderen Männern aus dem Dorf. Wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, schickte meine Großmutter mich manchmal um kurz vor zwölf los, um meinen Großvater abholen.

In der Schankstube roch es nach Bier, nach Zigaretten und nach den ledernen Bezügen der Bänke und der Hocker, auf denen eine Handvoll Männer saßen. Über dem halbrunden Tresen hing kopfüber eine große Flasche Asbach Uralt, Jagdtrophäen zierten die Wände. Mein Großvater bestellte mir ein Glas Coca Cola, und ich saß eine Weile auf einem der Hocker mit am Tresen und lauschte den wortkargen Gesprächen der Männer. Ich weiß nicht mehr, worüber sie sprachen, über die Fußball wohl, vielleicht auch über Politik. Nur den Rhythmus ihrer Gespräche habe ich noch im Ohr, kurze Wortwechsel mit langen Pausen, in denen der Wirt langsam das nächste Bier zapfte und die Männer am Tresen sich stumm mit ihren Schnapsgläsern zuprosteten, und ich weiß, dass ich mich damals wunderte, wie mein Großvater, den ich sonst nur im Kreis der Familie erlebte, sich nahtlos in diese andere Welt einfügte. Er zahlte, und bevor wir nach Hause gingen, steckte er das Wechselgeld routiniert in eines der kleinen, nummerierten Metallfächern des Sparschranks, der neben der Tür befestigt waren. Wann wurden die Fächer geleert? Ich müsste meine Großmutter danach fragen.

Ein Zeitsprung: Am 17. Mai 1929 hatte im Saal Gaststätte, in der mein Großvater Jahre später zum Frühschoppen gehen sollte, eine Veranstaltung der NSDAP stattgefunden. Gastredner war Friedlich Wilhelm Lütt aus Cuxhaven, ein Landwirt, der für seine Partei die ländlichen Regionen Norddeutschlands bereiste. Lütt war ein geschickter Redner, der das Publikum auf seine Seite brachte, in dem er unter anderem vorrechnete, wie sich der Preis landwirtschaftlicher Produkte in Deutschland auf dem Weg zum Verbraucher verdoppelte, ohne dass Erzeuger und Zwischenhandel seiner Meinung nach an diesem Verdienst angemessen beteiligt würden: Stattdessen profitiere der Staat. Solche Rechenbeispiele kamen bei der von der Weltwirtschaftskrise geplagten Bevölkerung auf dem Land gut an, und sie waren die Grundlage für scharfe politische Angriffe. Der Gendarm, der die Versammlung im Auftrag des Landrats besucht hatte, notierte in seinem Bericht, Lütt habe unter anderem „sehr gehässig“ über den preußischen Innenminister Albert Grzesinski gesprochen, der angeblich das uneheliche Kind eines jüdischen Sozialdemokraten sei und darum auch nicht das Aussehen eines preußischen Mannes habe. Zu den gezielten Provokationen gehörte auch die Behauptung, die Republik sei „eine Wucherrepublik“: Er wisse, dass er für diese Aussage bestraft werden könnte, erklärte Lütt, und beschwor die Zeit, in der die NSDAP „zur Beerdigungsfeier der Republik marschieren“ werde.

Damit war die nationalsozialistische Propaganda, in der sich Angriffe auf die Republik und Antisemitismus mischten, im Frühjahr 1929 im Dorf meiner Großmutter angekommen. Die Versammlung sei „verhältnismäßig“ stark besucht gewesen, auch wenn die Mehrheit der Anwesenden wohl „mehr aus Neugier als aus innerer Anteilnahme“ gekommen sei, wie der Landrat drei Monate später in einem Brief an den Regierungspräsidenten in Osnabrück vermutete. Dennoch wurden die Versammlungen der NSDAP im Kreis Bersenbrück weiterhin sorgfältig beobachtet. In der Kreisstadt hatte sich bereits Anfang 1929 nach einem halben Jahr Vorlauf eine Ortsgruppe der Partei gegründet, mit 22 Mitgliedern, die meisten davon Landwirte und Geschäftsleute. Im Sommer 1930 – ein gutes Jahr nach dem Besuch von Friedrich Wilhelm Lütt – hatte sich auch im Dorf meiner Großmutter eine 15 Mann starke Ortsgruppe gegründet.

Gruppenbild, oder: Die Kammer, Teil 2

_HolzwandHermann Dilly senior starb am 16. Juni 1925 im Alter von sechzig Jahren. Vier Wochen später trafen sich seine Kinder, um in Anwesenheit eines Notars den Nachlass zu regeln.

Dokumentiert ist dieses Treffen durch ein vier Seiten umfassendes Protokoll, eine Abschrift heftete mein Großvater später in seine Mappe mit den Unterlagen zu Haus und Grundstück ab. Es ist ein juristisches Schriftstück, in dem bis heute gültige Regelungen getroffen wurden, zugleich aber auch  eine Momentaufnahme: Die Familiengeschichte wird für einen kurzen Augenblick stillgestellt, wie auf einem der Gruppenfotos die bei Hochzeiten oder runden Geburtstagen gemacht werden.

Nur das auf diesem Foto eine Person fehlt, die laut meiner Großmutter immer Teil der Familie war: der jüdische Viehhändler Albert Fels.

Hermann Dilly war ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen und hatte einiges zu vererben. Das Doppelhaus mit den beiden Wohnungen an der Straße hatte ihm gehört, die alte Scheune, der Schweinestall, Waschküche und Hühnerstall und natürlich das Schlachtereigebäude. Dazu kam ein Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das er gekauft und an den Schmied des Dorfes vermietet hatte.

Außerdem hatte sich offenbar eine gewisse Geldsumme angesammelt, denn nach seinem Tod wurden zwischen den Kindern Abmachungen getroffen, zu denen auch Barzahlungen gehörten: Hermann Dillys Tochter Anna bekam das Haus auf der anderen Straßenseite zugesprochen und zahlte ihrer Schwester Marie dafür 4000 Reichsmark, Hermann Dillys Witwe, die auf ihren Teil des Nachlasses verzichtet, bekam von ihrem Stiefsohn Hermann – Hermann Dilly junior – 6000 Reichsmark und von ihrer Tochter Wilhelme 4000 Reichsmark. Die Bewertung solcher Geldsummen ist schwierig, aber es handelte sich zweifellos um größere Summen. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente Mitte der 20er-Jahre rund 1500 Reichsmark im Jahr.

In dem notariell beglaubigten Schriftstück, das mein Großvater  aufbewahrt hatte, wurde auch geregelt, wie mit dem Doppelhaus verfahren werden sollte. Wilhelmine, die Mutter meiner Großmutter, bekam das so genannte Haupthaus mit dem Laden zugesprochen. Ihr Bruder Hermann Dilly junior bekam die Schlachterei und das Nebenhaus – das Haus also, in dem vor dem Ersten Weltkrieg Albert Fels gewohnt hatte, der Kompagnon von Hermann Dilly senior. Von Fels ist in dem Protokoll allerdings keine Rede, auch nicht, als es um das Grundstück außerhalb des Dorfes geht, das Hermann Dilly senior und er 1908 gemeinsam erworben, als sich die ersten Erfolge ihrer Firma einstellten.

Jetzt wurde das Weideland unter den Kindern von Hermann Dilly aufgeteilt. Mit Albert Fels hatte das nichts mehr zu tun: Er war bereits im Juni 1913 aus dem Grundbuch ausgetragen worden, zwei Monate nach seiner Scheidung. Fels musste sich damals von seinem Partner haben auszahlen lassen, um den Unterhalt für seine geschiedene Frau aufzubringen. Ab jetzt war er nicht mehr Gesellschafter, sondern einfach nur ein Angestellter.

Rund zehn Jahre hatte Albert Fels nach der Scheidung allein in seiner Wohnung gelebt. Im Mai 1924 heiratete Hermann Dilly junior seine Verlobte. Fels, der damals 54 Jahre alt war, musste die Wohnung im Nebenhaus räumen. Er zog in die Diele um, in die Kammer, in der bis dahin das Tierfutter gelagert wurde. Als Hermann Dilly senior stirbt, ist er Teil des Nachlasses.

Die Kammer

Diele und BahnhofDer Stall, in dem meine Großmutter ihre Gartengeräte aufbewahrt, ist das älteste Gebäude auf dem Grundstück. Die verwitterten Ziegelsteine stammen aus dem 19. Jahrhundert, an der Wand, an der heute Wein wächst, sind noch die Umrisse der  Öffnung für das Schwein zu erkennen.

Alles andere hat sich verändert. Das Haus, in dem meine Großmutter lebt, ist 1930 fast vollständig abgerissen und neu gebaut worden, später kam noch ein Anbau dazu. Das alte Schlachthaus ist abgerissen worden, auch Schuppen und Scheune sind irgendwann verschwunden, dafür steht das längliche Kühlhaus noch, das aus den Sechzigerjahren stammt. Heute wird es nur noch als Garage benutzt, doch das leise Brummen der Kühlaggregate habe ich noch im Ohr aus der Zeit, als ich ein Kind war und im Garten meiner Großeltern spielte.

Albert Fels war damals schon lange tot, und wenn in dieser sich immer wieder verändernden Kulisse einen Platz für ihn finden will, muss man weit zurückgehen. Tatsächlich gibt es in den Fotoalben meiner Großmutter eine Handvoll alter Aufnahmen  aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in denen Fels und Dilly im Dorf meiner Großmutter gemeinsam ihr Geschäft betrieben. An der Straße, die aus dem Dorf herausführte, stand das lange Heuerhaus mit einer Fachwerkfassade und schmalen Fenstern, in dem der jüdische Kaufmann Simon Abraham Simon sein Geschäft betrieben hatte. Nach Simons Tod war es geteilt worden, und die beiden Haushälften befanden sich nun im Besitz der Offenen Handelsgesellschaft Dilly & Fels. Zwei Geschäftspartner, zwei Wohnungen, jeweils mit einem eigenen Eingang, das war einfach.

Die rechte Haushälfte stand dort, wo später das sehr viel größere Haus meiner Großmutter errichtet werden sollte. Hier wohnte Hermann Dilly mit seiner Familie, und hier war auch der Laden untergebracht. Im linken Teil lebte  Albert Fels mit seiner Frau und seiner Tochter. Seine Wohnung bestand aus einer Küche, einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer für die Eltern und einem für das Kind. Außerdem gab es eine Waschküche, von der eine Tür in die Diele führte. Hier waren die beiden Pferde untergebracht, die den Wagen zogen, und im Winter wurde hier auch die Kuh untergestellt. Der Boden der Diele war aus gestampften Lehm, auch in den Kammern, die an der Seite abgeteilt worden waren. In einer schlief die Magd, in der anderen Knecht, der in der Schlachterei half. In der dritten wurde Futter gelagert.

Ein großes, über zwei Meter hohes Tor (meine Großmutter erinnert sich, dass es später blau angestrichen war) führte aus der Diele auf einen kleinen Platz, groß genug, dass der Pferdewagen dort halten konnte. Von dort blickte man über ein Stück Garten hinweg auf den Bahnhof der Kleinbahn, und es waren zur ein paar Schritte bis zum Schlachthaus und in die alte Scheune, in der die Felle gelagert wurden.

Hinter dem Haus lag der Garten, und an der Bretterwand der Scheune stand die Bank, auf der Fels später als Mann nachmittags in der Sonne sitzen sollte. Eine eigene Wohnung hatte er damals nicht mehr, er schlief – das erzählte mir meine Großmutter – in der Diele, in der Kammer, in der früher das Futter für die Türe aufbewahrt worden war.

Wie war er dort hingelangt?

Berührpunkte

JKastenede Familie schreibt ihren Roman, doch die Handlung bekommt man schwer zu fassen. Die „Geschichte“ (im engeren, literaturwissenschaftlichen Sinne) wird ständig überarbeitet, das Netz der Kausalbezüge also immer wie neu zusammengeflickt. Gleichzeitig ist das „Geschehen“, die Chronologie der Ereignisse, im Fluss: Neue Ereignisse kommen dazu, andere treten zurück oder verschwinden ganz. Es ist darum kein Wunder, dass man, wenn man den Roman einer Familie aufmerksam liest oder vielleicht sogar nachzuerzählen versucht, auf Widersprüche stößt.

Meine Großmutter zum Beispiel hatte mir erzählt, dass sie in den Fünfzigerjahren auf eine Hochzeit im Dorf eingeladen war, auf der auch einige bäuerliche Familien aus der Umgebung des Dorfes zu Gast waren. Das Fest fand in Saal der Gaststätte gleich gegenüber statt, in der wir später auch die runden Geburtstage meiner Großeltern feiern sollte, und meine Großmutter, die damals um die dreißig war, kam mit einem älteren Landwirt ins Gespräch, der neben ihr saß. Eigentlich war es eine harmlose Unterhaltung, eine Suche nach möglichen Berührpunkten zwischen zwei Menschen, die in der gleichen Gegend leben, aber unterschiedlich alt sind.

Ein Berührpunkt war schnell gefunden: Der Landwirt hatte noch den Großvater meiner Großmutter gekannt hatte, den Schlachter, Viehhändler und Kaufmann Hermann Dilly senior. Er hatte sogar Geschäfte mit ihm gemacht, ihm Kälber und Ferkel verkauft, und irgendwann fiel in diesem Gespräch dann der Satz, an den meine Großmutter sich auch knapp sechzig Jahre später noch gut erinnerte. „Dein Großvater“, sagte der Landwirt in dem polternden, rumpelnden Tonfall, in dem rund um Dorf meiner Großmutter ältere Männer bis heute mit jüngeren Frauen sprechen, „dein Großvater“, sagte er, „war ein weißer Jude.“

Meine Großmutter wusste natürlich, was damit gemeint war. Die Bezeichnung „weißer Jude“ stammte aus den Dreißigerjahren und diente dazu, die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten über die rassistisch begründete Hetze hinaus auch auf Deutsche anzuwenden, die gar keine Juden waren. Im Jargon des „Stürmers“ oder des „Schwarzen Korps“ war ein „weißer Jude“ jeder, der, ohne selbst jüdische zu sein, eine vermeintlich jüdische Geisteshaltung an den Tag legte, indem er zum Beispiel – wie der Großvater meiner Großmutter – seinen geschäftlichen Erfolg auf eine Partnerschaft mit einem jüdischen Viehhändler gründete. Auch meine Großmutter kannte diese Bezeichnung, und sie erinnerte sich, wie sie sich damals, auf der Hochzeit in ihrem Dorf, für ihren Großvater geschämt hatte, den sie selbst zwar nie kennen gelernt hatte, über den sie allerdings von ihrer Mutter wusste, dass er einst mit einem gewissen Albert Fels, einem jüdischen Viehhändler, der „gut mit den Bauern konnte“, unter dem Namen „Dilly & Fels“ eine Firma gegründet hatte.

Das alles erzählte meine Großmutter mir bei einem unserer langen Telefonate. Warum dieser angeblich so geschäftstüchtige Albert Fels damals, als sie ein Kind war, vollkommen mittellos war und wie ein Knecht in einer kleinen Kammer neben der Diele im Haus ihres Onkels untergebracht war, das konnte sie mir nicht erklären. Über den Niedergang des Albert Fels wurde im Haus ihrer Eltern nie gesprochen.

Sie wäre auch nie auf die Idee gekommen, sich danach zu erkundigen. Albert Fels war jemand, über den man gern Geschichten erzählte, zu dem man allerdings besser keine Fragen stellte.